Putin und die Kraft des kollektiven Handelns aus einem erweiterten Bewusstsein: Eine 10-Punkte-Meditation über unseren gegenwärtigen Moment

ein Artikel von Otto Scharmer, übersetzt von Harald Jäckel — Originalartikel hier
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Teil I: Die soziale Grammatik der Zerstörung

In diesem Blog lade ich Sie ein, sich mit mir auf eine meditative Reise durch die gegenwärtige Situation zu begeben. Wir beginnen mit Putins Krieg in der Ukraine, packen einige der tieferen systemischen Kräfte aus, die im Spiel sind, betrachten die entstehende Landschaft konfligierender sozialer Felder und schließen mit dem, was vielleicht die aufkommende Supermacht der Politik des 21. Jahrhunderts ist: unsere Fähigkeit, kollektives Handeln aus einem gemeinsamen Bewusstsein für das Ganze zu aktivieren.

1. Überschreiten der Schwelle

“Die Welt wird nie wieder dieselbe sein.” Dies sind nach Ansicht des Kolumnisten der New York Times, Tom Friedman, die sieben gefährlichsten Wörter im Journalismus. Nicht nur Friedman hat sie benutzt, um unserer gegenwärtigen Situation einen Sinn zu geben. Viele von uns tun das Gleiche. Wenn wir Putins Einmarsch in die Ukraine seit dem 24. Februar in Echtzeit verfolgen, fühlen sich die meisten von uns wie gelähmt angesichts der schrecklichen Ereignisse, die sich vor unseren Augen abspielen.

Es scheint, als ob wir die Schwelle zu einer neuen Periode überschreiten. Diese neue Periode wurde mit der Ära des Kalten Krieges verglichen, die 1989 endete. Manche meinen, dass Wladimir Putin versucht, die Uhr um mindestens 30 Jahre zurückzudrehen, um Russland “wieder groß” zu machen. Ich glaube jedoch, dass wir uns heute in einer ganz anderen Situation befinden. Der Kalte Krieg war ein Konflikt zwischen zwei gegensätzlichen Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen auf der Grundlage einer gemeinsamen militärischen Logik, die von Experten als “Mutually Assured Destruction” (MAD) bezeichnet wird — ein ziemlich treffendes Akronym. Das MAD-”Betriebssystem” funktionierte, weil es sich auf eine gemeinsame Logik stützte. Es basierte auf gemeinsamen Annahmen und einer gemeinsamen Wahrnehmung der Realität auf beiden Seiten der geopolitischen Kluft.

Heute jedoch ist diese gemeinsame Logik und dieser Realitätssinn zerbrochen. Das ist in vielen Ländern zu beobachten, auch in den Vereinigten Staaten, was sehr schmerzlich ist. Hier erleben wir eine Aushöhlung der Grundlagen des demokratischen Prozesses, wie wir sie bei den letzten Wahlen beobachten konnten. Seit dieser Wahl gibt es eine Partei, die immer noch die Legitimität der Wahlergebnisse von 2020 leugnet, während sie sich aktiv an der Unterdrückung der Wähler beteiligt (27 Bundesstaaten haben seit der Niederlage von Trump im Jahr 2020 mehr als 250 Gesetze mit restriktiven Wahlbestimmungen eingeführt). Wenn man dann noch die Facebook/Meta-Algorithmus-Maschine hinzunimmt, die die massenhafte Erzeugung von Empörung, Wut, Fehlinformationen und Angst unterstützt, wird klar, warum diese Polarisierung und Fragmentierung einem Angriff auf die Grundlagen der Demokratie gleichkommt. Die Fähigkeit von Gesellschaften, Räume zu schaffen, in denen komplexe soziale Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert werden können, wird in den meisten Ländern angegriffen und schwindet.

2. Putins blinder Fleck

Nach der Besetzung der Krim durch Russland im Jahr 2014 sprach Angela Merkel, die damalige deutsche Bundeskanzlerin, mit Präsident Putin und berichtete Präsident Obama, dass Putin ihrer Meinung nach den Bezug zur Realität verloren habe. Er lebe, so Merkel, in einer “anderen Welt”. Diese Mentalität der Fragmentierung, Isolierung und Trennung wird nirgendwo deutlicher sichtbar als in den jüngsten Bildern von Putin allein an einem Ende eines großen Tisches und seinem Team (oder gelegentlich einem Staatschef) am anderen Ende.

Wladimir Putin trifft sich mit seinen Top-Beratern — Bildnachweis: https://preview.telegraph.co.uk

Diese Isolation (vom eigenen Team, von Andersdenkenden und schließlich von der Realität) steht offensichtlich im Widerspruch zu den immer komplexeren Herausforderungen unserer heutigen Welt. Auch wenn Putin, Oberbefehlshaber einer der mächtigsten Armeen der Weltgeschichte, noch eine Weile alle militärischen Schlachten gewinnen mag, so scheint es doch, als ob diese Trennung von der Realität — d. h. die Realität seiner eigenen blinden Flecken — bereits die Saat für seinen Untergang gelegt hat. Seine blinden Flecken scheinen die Stärke der Zivilgesellschaft und die Kraft des kollektiven Handelns aufgrund eines gemeinsamen Bewusstseins zu sein.

Die Stärke der Zivilgesellschaft zeigt sich im Mut und in der Entschlossenheit des ukrainischen Volkes — nicht nur des Militärs, sondern aller. Die gesamte Bevölkerung hat alles andere stehen und liegen gelassen, um an ihrer kollektiven Verteidigung und ihrem Überleben mitzuwirken, und zwar in einer Weise, die nahezu jeden berührt und inspiriert. Putin und die russische Armee waren offensichtlich von dieser kollektiven Entschlossenheit überrascht. Die zweite Überraschung war die Reaktion in Russland. Auch dort hat sich die Zivilgesellschaft in Form von Anti-Kriegs-Demonstrationen in mehr als 1.000 Städten in ganz Russland gezeigt; 7.000 russische Wissenschaftler unterzeichneten innerhalb weniger Tage nach Beginn der Invasion einen offenen Brief gegen den Krieg. Diese sichtbaren Signale des Dissenses sind zwar noch nicht von großem Ausmaß. Aber sie sind ein wichtiger Anfang, der sich schnell zu einer viel breiteren und tieferen Bewegung in ganz Russland ausweiten könnte, auch wenn die russische Propaganda und Unterdrückung jeden Protest immer härter unterdrückt.

Am Abend des 24. Februar, dem Tag, an dem die russische Armee in die Ukraine einmarschierte, trat der Europäische Rat, dem alle 27 Staatschefs der EU-Länder angehören, in Brüssel zusammen. Zum Abschluss der Tagung kündigten sie eine Reihe historischer Beschlüsse und Sanktionen an: Sanktionen gegen den russischen Finanz-, Energie- und Transportsektor, ein Reiseverbot und das Einfrieren von Vermögenswerten für wichtige Personen und Oligarchen sowie direkte militärische Unterstützung für ein Nicht-EU-Land. In außenpolitischen Angelegenheiten muss der Europäische Rat einstimmig beschließen, bevor er Maßnahmen ergreift, und ist daher berüchtigt dafür, dass er oft NICHT handelt. Was war geschehen, das zu solch historischen und einstimmigen Beschlüssen führte? Warum waren sich die EU-Mitglieder an diesem Abend und in der folgenden Woche so einig?

Wir kennen noch nicht die ganze Geschichte, aber es scheint zwei wichtige Faktoren zu geben: (a) die Brutalität der russischen Invasion und (b) ein direktes Gespräch zwischen den EU-Führern und Präsident Zelensky aus seinem Bunker in Kiew, in dem er seinen Kollegen mitteilte, dass es das letzte Mal sein könnte, dass sie ihn lebend sehen. Diese Ereignisse erleichterten das Erwachen der EU-Führer: Sie erkannten, dass sie ein Teil des Problems sind, dass sie Putins Krieg durch den Kauf von russischem Gas und Öl finanzieren und dass sie in Zukunft ganz anders handeln müssen.

Dieses Phänomen, wenn eine Gruppe von Führungskräften beginnt, aus einer gemeinsamen Sicht und einem gemeinsamen Bewusstsein der Gesamtsituation heraus zu handeln — und nicht aus einer Vielzahl von abstrakten und eng definierten nationalen Agenden heraus — bezeichne ich als Collective Action from Shared Awareness (CASA).

Warum waren Putin und sein hochentwickeltes Geheimdienstteam offenbar nicht in der Lage, sowohl die Reaktion der Zivilgesellschaft als auch die rasche Einigkeit der westlichen Länder richtig einzuschätzen und vorherzusehen?

Niemand kennt die Antwort auf diese Frage. Aber ich habe eine Vermutung: Denn Putins Geheimdienstsystem, das bei der Analyse bestehender Formationen und Kräfte brillant sein mag, hat einen blinden Fleck, wenn es um Aktionen geht, die aus dem Herzen und aus einem gemeinsamen Bewusstsein für das Ganze entstehen. Aber das ist genau die Art von kollektivem Handeln, die das tapfere ukrainische Volk auf so inspirierende Weise verkörpert und die allmählich auf die Straßen, Dörfer und Städte in Russland und anderswo ausstrahlt, auch an eher unwahrscheinlichen Orten wie dem Europäischen Rat in Brüssel.

3. Der blinde Fleck des Westens

Putin mag blinde Flecken haben, was die Macht der Zivilgesellschaft und die Kraft kollektiven Handelns angeht, die aus einem gemeinsamen Bewusstsein erwächst: aber was ist mit den blinden Flecken des Westens? Lassen Sie mich konkreter werden: WENN es so klar war, dass Putin plante, in die Ukraine einzumarschieren (wie es die US-Geheimdienste seit vielen Monaten vorausgesagt hatten), und WENN es ebenso klar war, dass die NATO niemals direkt eingreifen konnte (ohne einen totalen Atomkrieg zu riskieren), WARUM war es dann für den Westen so unmöglich, Putins oft wiederholter Hauptforderung einfach zuzustimmen: einer Garantie, dass die Ukraine nicht der NATO beitreten darf (genau wie Finnland, Schweden, Österreich und Irland, die alle Mitglieder der EU, aber nicht der NATO sind)?

Was haben sich die westlichen Führer — insbesondere die der USA — dabei gedacht? Worin bestand die Rationalität der westlichen Zwei-Punkte-Strategie gegen Russland? (1) jahrzehntelanges Ignorieren und Ignorieren russischer Einwände gegen die verschiedenen Wellen der NATO-Osterweiterung und (2) Wetten darauf, dass Putin sein Verhalten ändern würde, wenn man ihm mit Wirtschaftssanktionen droht?

Diese Wette war schon immer eine sehr riskante Angelegenheit. Die Sowjetunion hat die meiste Zeit ihres Bestehens unter diesen Bedingungen gearbeitet. Und heute stärkt es einfach das chinesisch-russische Bündnis und die wirtschaftliche Integration. Wie kann das eine rationale Strategie sein, wenn — wie US-Präsident Biden es sieht — China als der wichtigste strategische Rivale der USA angesehen wird?

Seit der ersten Welle der NATO-Osterweiterung bis zu den Grenzen der ehemaligen Sowjetunion und später auch innerhalb dieser Grenzen haben einige wenige angesehene Stimmen im außenpolitischen Establishment der USA davor gewarnt, dass die Erweiterung katastrophale Folgen haben könnte. Insbesondere George Kennan, der Hauptarchitekt der westlichen Eindämmungsstrategie gegen die Sowjetunion im Kalten Krieg, warnte 1998 in einem Interview mit der New York Times nach der ersten Runde der NATO-Erweiterung, dass er einen solchen Schritt als “den Beginn eines neuen Kalten Krieges” ansah. Er sagte: “Ich denke, die Russen werden allmählich ziemlich negativ reagieren, und das wird ihre Politik beeinflussen. Ich halte das für einen tragischen Fehler. Es gab überhaupt keinen Grund für dieses Vorgehen. Niemand hat irgendjemandem gedroht”. Robert M. Gates, der in den Regierungen von George W. Bush und Barack Obama als Verteidigungsminister diente, schrieb 2015 in seinen Memoiren, dass die Initiative von Bush, Georgien und die Ukraine in die NATO aufzunehmen, “wirklich zu weit ging”. Seiner Ansicht nach wurde dabei “rücksichtslos ignoriert, was die Russen als ihre eigenen vitalen nationalen Interessen betrachteten”.

Warum war die Regierung Biden so taub gegenüber den wiederholten russischen Beschwerden? Was würden die Amerikaner sagen, wenn zum Beispiel Mexiko einem feindlichen Militärbündnis beitreten würde? Was würde passieren, wenn sich Texas (ein Staat, der früher zu Mexiko gehörte) Mexiko anschließen würde? Wie würde sich das Weiße Haus fühlen, wenn Raketen in Houston auf die US-Hauptstadt gerichtet würden? Nun, wir können nur raten. Aber im Fall von Kuba müssen wir nicht raten. Die Kubakrise von 1962 brachte die Welt unmittelbar an den Rand des Dritten Weltkriegs. Was beendete die Krise? Die Russen zogen ihre Mittelstreckenraketen aus Kuba ab. Das ist das, woran sich jeder erinnert. Woran sich niemand mehr erinnert, ist der zweite Teil der Vereinbarung mit den Russen: Die USA zogen ihre eigenen Mittelstreckenraketen aus der Türkei ab. Dieser Teil der Vereinbarung wurde geheim gehalten, damit Präsident Kennedy in der amerikanischen Öffentlichkeit nicht als schwach dasteht.

Das bringt uns direkt zu Biden zurück. Warum ist die US-Außenpolitik nicht in der Lage, die Sicherheitsbedenken einer anderen großen Atommacht zu respektieren, die mehr als einmal von westlichen Streitkräften überfallen wurde (Hitler, Napoleon) und die in den 1990er Jahren eine weitere traumatische Erfahrung gemacht hat: den Zusammenbruch sowohl ihres Reiches als auch ihrer Wirtschaft (auf Anraten westlicher Experten)?

Warum war es so schwierig, diese Bedenken einfach anzuerkennen? War es Unwissenheit? Arroganz? Oder einfach die Unfähigkeit, echte Beziehungen zu einem vielleicht traumatisierten Präsidenten eines Landes aufzubauen, das im Zweiten Weltkrieg 24 Millionen Menschen verloren hat? Was auch immer der Grund war, Tatsache ist, dass DIESE Strategie — was auch immer sie gewesen sein mag — gescheitert und verbrannt ist.

Auf diese Unzulänglichkeiten in Amerika hinzuweisen, ist heute genauso populär wie 2003 die Kritik an der US-Invasion im Irak (die wie die Invasion in der Ukraine unter falschen und erfundenen Vorwänden erfolgte). Keiner will das hören. Denn es ist Teil des kollektiven westlichen blinden Flecks: unsere eigene Rolle bei der Entstehung der Tragödie, die sich in der Ukraine abspielt.

Es ist erwähnenswert, dass George W. Bush, nachdem er 2001 den Krieg gegen den Terror begonnen hatte, am Ende seiner zweiten Amtszeit beschloss, einen weiteren wichtigen Schritt zu tun: die Ukraine (und Georgien) in die NATO einzuladen. Diese Entscheidung setzte eine weitere Kette von potenziell katastrophalen Ereignissen in Gang, die 14 Jahre später, im Jahr 2022, vor unseren Augen explodiert.

Beide Fehler von Bush sind auf dieselbe intellektuelle Struktur zurückzuführen: ein binäres Denken, das auf der Unterteilung der Welt in Gut und Böse beruht. Es ist dieses Denkparadigma, das die politischen Entscheidungsträger daran hinderte, sich eine andere Antwort auf den 11. September als einen Krieg gegen den Terror oder eine andere Rolle für die Ukraine als die eines Staates vorzustellen, der einem feindlichen (und zunehmend isolierten) Russland gegenübersteht. Warum sollte man die Ukraine nicht als blühende Brücke zwischen der EU und Russland sehen, mit EU-Mitgliedschaft und engen Beziehungen zu Russland, aber ohne Mitgliedschaft in einem Militärbündnis (wie Finnland, Schweden, Österreich und Irland)?

4. Die soziale Grammatik der Zerstörung:
Die Abwesenheit

Wenn wir einen Schritt zurücktreten, um die tiefere kognitive Struktur zu betrachten, die zu diesem Krieg führt, was sehen wir dann?

Wir sehen ein System, das uns dazu bringt, kollektiv Ergebnisse zu erzielen, die niemand will. Ich glaube nicht, dass irgendjemand auf der Welt das sehen wollte, was wir jetzt in der Ukraine sehen. Sicherlich nicht die Ukrainer. Und schon gar nicht die russischen Kinder/Soldaten, die in den Krieg “hineingezogen” wurden, wie mehrere von ihnen es beschrieben haben. Vielleicht nicht einmal Wladimir Putin. Er dachte wahrscheinlich, es wäre so einfach wie seine Krim-Invasion im Jahr 2014. Warum also schaffen wir kollektiv Ergebnisse, die niemand will — nämlich einen schmutzigen Krieg, noch mehr Umweltzerstörung und eine Verrohung und Traumatisierung unserer Seelen?

Abbildung 1: Schöpfung und Zerstörung: Zwei soziale Grammatiken und zwei soziale Felder

In Abbildung 1 wird zwischen zwei inneren Zuständen unterschieden, die wir als Menschen wählen können, um von dort aus zu handeln. Der eine basiert auf der Öffnung von Geist, Herz und Willen — auch bekannt als Neugier, Mitgefühl und Mut — und der andere basiert auf der Verschließung von Geist, Herz und Willen — Unwissenheit, Hass und Angst.

Die obere Hälfte von Abbildung 1 fasst kurz die kollektive kognitive Dynamik zusammen, die uns zu Putins Krieg in der Ukraine geführt hat. Das Einfrieren und Verschließen des Verstandes, des Herzens und des Willens haben zu sechs lähmenden sozialen und kognitiven Praktiken geführt:

- Täuschung: nicht die Wahrheit sagen (Desinformation und Lügen).

- De-sensing: andere nicht spüren (in der eigenen Echokammer feststecken).

- Abwesenheit: Abkopplung vom Ziel (Depression, Abkopplung von der eigenen höchsten Zukunft).

- Schuldzuweisung an andere: Unfähigkeit, die eigene Rolle mit den Augen der anderen zu sehen.

- Gewalt: direkte, strukturelle und aufmerksamkeitsbedingte Gewalt.

- Zerstörung: des Planeten, der Menschen, des Selbst

Diese sechs mikrokognitiven Praktiken stellen ein Betriebssystem dar, das sich in vielen Gesichtern manifestiert, von denen man eines als Putinismus bezeichnen könnte. Was sind einige der anderen Gesichter, die wir sehen, wo das gleiche kognitive Betriebssystem am Werk ist? Der Trumpismus ist natürlich eines der wichtigsten, wie ich bereits bei früheren Gelegenheiten erörtert habe. Trotz einiger offensichtlicher Unterschiede haben der Trumpismus und der Putinismus dieselben sechs kognitiven Kernkomponenten, die ihre jeweilige Arbeitsweise bestimmen. Ein besonders herzzerreißendes Beispiel für die Auswirkungen des Putinismus auf die eigenen Truppen fand sich in einer Textnachricht, die ein junger russischer Soldat kurz vor seinem Tod an seine Mutter schickte:

“Mama, ich bin in der Ukraine. Hier tobt ein richtiger Krieg. Ich habe Angst. Wir bombardieren alle Städte zusammen, auch auf Zivilisten. Uns wurde gesagt, dass sie uns willkommen heißen würden, und sie fallen unter unsere gepanzerten Fahrzeuge, werfen sich unter die Räder und lassen uns nicht durch. Sie nennen uns Faschisten. Mama, das ist so schwer.”

Diese Textnachricht erzählt uns von Täuschung (“uns wurde gesagt…”), Enttarnung (“sie fallen unter unsere gepanzerten Fahrzeuge…”) und Zerstörung (“wir bombardieren alle Städte… sogar Zivilisten”). Seine letzten Worte “Mama, das ist so schwer” drücken das Erwachen des Bewusstseins aus, dass dieser Weg, auf dem er sich befand — der Weg der Zerstörung -, zutiefst falsch war.

Die soziale Grammatik der Zerstörung prägt heute das kollektive Verhalten auf vielen Ebenen der Gesellschaft. Nehmen wir die klimafeindliche Industrie. In den frühen 2000er Jahren bemerkte die Öl- und Gasindustrie in den USA, dass die Mehrheit der Öffentlichkeit, einschließlich der Mehrheit der republikanischen Wähler, die Einführung einer Kohlenstoffsteuer unterstützte, um der globalen Erwärmung und der Klimadestabilisierung besser begegnen zu können. Sie starteten eine gut organisierte und finanziell gut ausgestattete Kampagne (mit mehr als 500 Millionen Dollar), die der klimafeindlichen Industrie den Weg in die Öffentlichkeit ebnete. Eine Schlüsselstrategie bestand darin, die Klimawissenschaft und die Klimawissenschaftler zu diskreditieren, indem sie Stimmen des Zweifels säten und verstärkten. Das hat funktioniert. Der Kampagne gelang es, die öffentliche Meinung in den USA umzustimmen. Die Intervention konzentrierte sich auf den frühen Teil des Absenzenzyklus (Täuschung durch das Säen von Desinformation und Zweifeln), während die Auswirkungen unverhältnismäßig stark die Schwächsten treffen, sowohl jetzt als auch in Zukunft (durch die Zerstörung, die durch die Klimadestabilisierung verursacht wird).

Ein weiteres Beispiel ist Big Tech. Das Problem der meisten Giganten der sozialen Medien ist nicht, dass sie Websites, die Desinformationen verbreiten, nicht schließen. Das Problem ist das gesamte Geschäftsmodell, das Facebook zu einem Billionen-Dollar-Unternehmen gemacht hat. Es ist ein Geschäftsmodell, das auf der Maximierung der Nutzerbindung durch Aktivierung und Verstärkung von Desinformation, Wut, Hass und Angst beruht. Facebook, wie auch Trumpismus und Putinismus, aktiviert dieselben kognitiven und sozialen Verhaltensweisen, die ich an anderer Stelle erörtert habe: Täuschung (Desinformationen werden häufiger geteilt als echte Informationen), Desensibilisierung (Echokammern, Wut, Hass), Abwesenheit (Verstärkung von Depressionen), Schuldzuweisung (Trolling), Zerstörung (Gewalt gegen Flüchtlinge im Verhältnis zur Facebook-Nutzung), die uns letztendlich alle in die Selbstzerstörung führen.

Letztes Beispiel: 9/11. Wie alle terroristischen Akte verkörpern die Anschläge von 9/11 zu 100 % die Grammatik der Zerstörung (auch die Rekrutierung und Ausbildung von Selbstmordattentätern folgt diesen Mustern). Als dieser Anschlag geschah, hatte Amerika die Wahl: Es konnte wählen, ob es mit der Öffnung oder mit der Schließung von Verstand, Herz und Willen reagieren wollte. Wir alle wissen, was geschah. Es war die Erstarrungsreaktion des Verstandes, des Herzens und des Willens, die die Oberhand gewann und dazu führte, dass der “Krieg gegen den Terror” begonnen wurde. Spulen Sie 20 Jahre zurück. Was ist aus dieser Entscheidung entstanden? Fünf Hauptergebnisse:

- Er hat 8 Billionen Dollar und 900.000 Menschenleben gekostet und hat die Taliban und Al Qaida viel stärker gemacht als vor 20 Jahren.

- Er führte dazu, dass die USA unschuldige Menschen folterten und damit genau die Werte verletzten, die der Krieg zu verteidigen vorgab.

- Das Ergebnis ist ein umfassendes System der Inlandsüberwachung, das vorher undenkbar war.

- Er säte ein allgemeines Misstrauen in die Institutionen, das schließlich zu inneramerikanischem Terrorismus führte, einschließlich des Anschlags auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021.

- Schließlich, und das ist vielleicht das Wichtigste, hat sie uns dazu veranlasst, die eigentliche globale Herausforderung unserer Zeit aus den Augen zu verlieren: die planetarischen und sozialen Notlagen, die neue Formen der globalen Zusammenarbeit für entschlossenes kollektives Handeln jetzt erfordern.

Es ist klar, dass das Phänomen des Putinismus nicht völlig neu ist. Es manifestiert sich auf der geopolitischen Bühne etwas, das wir schon in kleineren Zusammenhängen gesehen haben. Wir sehen es im Trumpismus. Wir sehen es in unserem eigenen kollektiven Verhalten gegenüber dem Klimawandel. Wir sehen es in der entsetzlichen Behandlung von Afrikanern an der ukrainisch-polnischen Grenze. Wir sehen es an der ungleichen Aufmerksamkeit der westlichen Medien für den Krieg in der Ukraine im Vergleich zu den Kriegen im Sudan, in Syrien oder Myanmar. Wir sehen es immer dann, wenn wir unseren Weg verlieren und kollektiv Ergebnisse erzielen, die anderen Gewalt zufügen, sei es direkte, strukturelle oder aufmerksamkeitsbedingte Gewalt. Das alles ist nicht neu. Was neu ist, ist die Zunahme dieses Phänomens in den letzten zehn Jahren, was zumindest teilweise mit der Verstärkung toxischer sozialer Felder durch soziale Medien und Big Tech zusammenhängt.

Was sehen wir also, wenn wir die Realität durch die Linse der beiden sozialen Felder oder der beiden sozialen Grammatiken, die ich oben beschrieben habe, betrachten? Wir sehen, dass eines dieser Felder exponentiell gewachsen ist, während das andere anscheinend verdrängt wurde. Das ist natürlich der Grund, warum so viele von uns mit zunehmender Angst, Depression und Verzweiflung leben. Das ist die Geschichte dessen, was ich “Abwesenheit” nenne. Im zweiten Teil dieses Aufsatzes werde ich eine ganz andere Geschichte erzählen, eine, die die aktuellen Ereignisse durch eine andere Linse betrachtet: die Linse des “Presencing” — das heißt, die Zukunft, die durch bewusstseinsbasierte kollektive Aktionen jetzt zu entstehen beginnt.

Teil II: Die soziale Grammatik der Schöpfung: in Kürze

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